Snapchat – Gegen die Flüchtigkeit des Augenblicks

Eine Rekordsumme in Milliardenhöhe soll Facebook für den Bilder-Chat-Dienst Snapchat geboten worden sein. Ein Betrag, der an die Goldgräberlaune kurz vor dem Platzen der Internetblase erinnert – und die darauffolgende Katerstimmung. Die Gründer Bobby Murphy und Evan Spiegel lehnen das Übernahmeangebot jedoch ab – hoffen sie auf ein besseres Angebot oder hält Idealismus Einzug bei den jungen Gründern? Ungeachtet dessen lohnt sich ein genauerer Blick auf die Bilder-Chat-App Snapchat, die eine Art Wendepunkt in der Geschichte der Informationsgesellschaft markiert.

Wie alles begann: Pics or it didn’t happen – die bildhafte Existenz

Mit den Anfängen des Web 2.0, dem Mitmachweb, das nicht mehr allein zum Konsum von Webinhalten genutzt wurde, sondern in zunehmendem Maße Angebote schuf, die dem User ermöglichen, als Produzent eigener Inhalte in Erscheinung zu treten, wurde das Postulat publik, digitale Aktivitäten lösten allmählich das „reale“ Leben ab. Mehr und mehr würden soziale Verbindungen, Freizeitaktivitäten, Arbeit und Konsumverhalten in die digitale Sphäre verlagert. Diese These erhielt durch das Web 3.0, das social web, neuen Nährboden. Tatsächlich stellt sich vor dem Hintergrund des Teilens, Kommentierens, +1ens und Likens die Frage, ob die Generation der „digital natives“ ein Leben führt, dass untrennbar mit der digitalen Welt verbunden ist. Zentrales Symptom der „Generation Facebook“ ist die ständige Forderung nach Bildbeweisen, digitalen Zeugnissen, formuliert und auf die Spitze getrieben durch das Schlagwort „pics or it didn’t happen“. Mit der GoPro stets an Bord, der Digitalkamera lebenslang im Anschlag und wenn einmal das Equipment nicht greifbar zu Hause vergessen wurde, ist die „Bimmelknipse“ allzeit griffbereit zur Hand, um die aktuellsten Vorgänge zu dokumentieren, um gegenüber Freunden, Familie und Followern nachzuhalten, dass das eigene Leben noch ein weiteres „Selfie“ zu bieten hat, wird dieser Forderung spielend begegnet. Vor dem Hintergrund dieser Skizze scheint es, als könnten die anfänglichen Kritiker des Internets Recht behalten, als löse sich das „wahre Leben“ langsam in Postings und Pixel auf oder gehe zumindest in ein Abziehbild desselben über – ohne (digitalen) Beleg kein (analoges) Leben.

Bilder gegen das Vergessen

Bilder haben eine lange Tradition in der Kulturgeschichte der Menschheit. Angefangen bei der Höhlenmalerei haben sich die „bildgebenden Verfahren“ im Laufe der Zeit ständig weiterentwickelt. Die Bildproduktion hat sich beschleunigt. Dort, wo in der Höhle erst Naturstoffe aufbereitet werden mussten, um überhaupt Farben zu gewinnen, reicht heute ein Tippen auf den Auslöser und schon ist das Bild „in der Wolke“. Der Konservierungsdrang scheint dabei keinerlei Grenzen zu kennen. Das Bestreben, der „Flüchtigkeit des Augenblicks“ ein Schnippchen zu schlagen hat einen obskuren Zenit erreicht – überall und allerorten sind Bildersammler aktiv, die niemals müde werden, dem Gedächtnis ein kleines Upgrade zu verpassen: die Bilder können direkt „on the line“ in der Cloud für alle (bis zum Erweis des Gegenteils) Ewigkeit gespeichert werden. An Nichts muss man sich mehr selbst erinnern, alles wird erinnert. Greifbar nahe scheint Huxleys Dystopie von der schönen neuen Welt, in der sich unter anderem das Wissen der Menschheit nach Gutdünken manipulieren lässt. Doch was in der Literatur möglich ist, stellt die heutige Welt (noch) vor Probleme: Jedem, der einmal versucht hat, kompromittierende Zeugnisse seiner offline-Aktivitäten zu tilgen, schlägt die Kehrseite der digitalen Speichermedaille entgegen. Das Netz vergisst nie.

Snapchat – Rückkehr des Augenblicks

Snapchat markiert einen Wendepunkt in dieser Entwicklung. Dem digitalen Nutzer, dem der selbstgewählte Kontrollverlust über seine Daten vor Augen geführt wurde, besinnt sich auf eine alte Reinigungsfunktion: Das Vergessen (neu: Version 2.0). Snapchat-Bilder löschen sich nach 10 Sekunden von selbst. Zudem lässt sich einstellen, wie lange die bereitgestellten Inhalte überhaupt für den Abruf zur Verfügung stehen sollen. Die Flüchtigkeit des Augenblicks ist wieder greifbar und wird mit offenen Armen in Empfang genommen.

Aktuell funktioniert dies nur innerhalb der App und obskurerweise nur für angemeldete Nutzer. Sollte der bisherige Erfolg von Snapchat Schule machen, wäre denkbar, dass das bereits vor Jahren geforderte „Haltbarkeitsdatum“ für digitale Inhalte neuen Aufwind erfährt. So absurd es klingt: Das digitale Gedächtnis käme damit seinem realen Vorbild vordergründig ein Stück näher. Allerdings sei an dieser Stelle angemerkt, dass auch das digitale Gedächtnis ein Unterbewusstsein hat, das sich der aktiven(Endnutzer-) Kontrolle zu entziehen vermag. Anlässlich jüngster Bekanntmachungen über die weitreichenden Sammeltechniken der NSA konstatierte Netzsprachrohr Sascha Lobo vollmundig – wenn auch etwas missverständlich – das Netz sei „kaputt“. Faktisch ist es alles andere als das, denn das Netz funktioniert besser als je zuvor, weshalb wir es tiefer denn je in unser Leben integrieren. Der gewaltige Kostenapparat der Staatssicherheit der DDR ist dank unserem Zutun heute für die NSA auf ein Minimum geschrumpft. Im modernen Marketing-Slang der New Economy hält „Big Data“ Einzug. Die aberwitzige Größe des unüberschaubaren Datenmeeres ist beherrschbar geworden.
Die wachsende Zahl der Snapchat Nutzer scheint der Auffassung zu sein, dass die mehr oder minder schnell untergehenden Fotoblätter, die sie von der Oberfläche ihrer Screens verschwinden sehen, unwiederbringlich ausgelöscht sind. Jeder Kleingärtner, der seinen Folienteich einmal jährlich reinigt, weiß, dass dem nicht so ist. So, wie es fast einhundert Jahre brauchte, bis man die Titanic am Meeresgrund ausfindig machen konnte, darf man gespannt sein, welche Methoden zur „Datenrückgewinnung“ künftig zum Einsatz kommen werden. Ein nächster Schritt wird es anschließend sein, die gewonnenen Daten ihren ursprünglichen Besitzern wieder zuordnen zu können.